Virtuelles Rollenspiel – die Alternative zum Küchentisch?

Ich wollte schon lange einmal über das Internetangebot für Rollenspieler schreiben. Wir hatten ja schon einen Beitrag, wo es um die Gruppensuche ging und da wäre, neben dem traditionellen Tischrollenspiel, auch das virtuelle Rollenspiel eine Möglichkeit, mit Gleichgesinnten Spaß zu haben. Sich online zu verabreden ist immerhin deutlich leichter zu organisieren, als sich irgendwo in der analogen Welt treffen zu müssen. Die große Frage ist dabei natürlich, macht es denn auch gleichviel Spaß?
Vorweg will ich aber warnen, dass ich so eine Online-Runde zwar eins-, zweimal ausprobiert habe, aber lange kein Experte bin. Auch habe ich keine Übersicht über die meist genutzten Seiten, sondern kenne nur Empfehlungen von Freunden. Deshalb: falls ihr schon mehr Erfahrungen mit dem Thema gemacht habt, seid ihr herzlich eingeladen in den Kommentaren davon zu berichten.

 

Das Textrollenspiel

Mein erster Schritt auf den virtuellen Pfaden des Rollenspiels war eine Seite namens Thjalsan, die es heute nicht mehr gibt. Es handelte sich um ein Multi User Dungeon, der die Strukturen von Legend of the green Dragon übernahm und sie in ein Wikinger-Setting ummünzte.
Was heißt das? Es gab einen Server, auf dem sich mehrere Spieler befinden konnten. Jede Darstellungsform war ein Text mit eventuell noch einem Bild zum Text. Auf dem Server existierten mehrere virtuelle Orte, wie die Taverne oder den Marktplatz, an denen die einzelnen Spieler ihre eigenen Texte hinterlassen konnten. Andere Spieler wiederum konnten, je nachdem wann sie Zeit und Lust hatten, darauf eingehen. So war es für jeden Spieler möglich, mit seinem eigenen Textbeitrag an der Szene zu einem beliebigen Zeitpunkt teilzunehmen und sie mit zu entwickeln.
Das Ganze hatte Vor- und Nachteile, die ich kurz an einem Beispiel deutlich machen will:

A: Und so betrat Andor schweißgebadet die Taverne. Seiner Kehle dürstete es nach Erfrischung und seinem Herzen nach Gesellschaft. Er grüßte in die Runde: „Moin Männers! Habt ihr noch Platz für einen Bootsbauer in eurer Mitte? Und Wirt, schenk mir was von deinem billigsten Bier ein.“, sprach er mit angestrengtem Lächeln und schnippte 3 Kronen von seinem Geldbeutel auf den Tresen.

B: Bernd, der nur auf so eine Gelegenheit gewartet hatte, stiehlt sich aus dem Schatten hinter der Tür, nimmt Andor seinen Geldbeutel ab und verlässt zufrieden die Taverne.

C: Christoph, der Wirt, hatte den diebischen Schlingel schon die ganze Zeit im Auge gehabt. Er war nicht der erste Beutelschneider in seiner Taverne und würde auch nicht der letzte sein. Genau für diesen Fall hatte er immer seine Holzkeulen unterm Tresen versteckt. Man wusste nie, wann einer die Zeche prellen oder randalieren wollte. So holte er mit einer routinierten Bewegung kurz aus und schon sauste die Wurfkeule in die Richtung des Diebes.

B: Bernd sah das alles kommen, wich der Keule elegant aus, zog sein eigenes Wurfmesser und tötete damit den Wirt. Dann ritt er davon.

Da es keine wirklichen Regeln für den Umgang mit Charaktereigenschaften gibt, was die Werte auf einen Charakterbogen im Rollenspiel wären, kann jeder frei entscheiden, was geschieht. Natürlich sollte immer darauf geachtet werden, dass bestimmte Kommunikationsregeln eingehalten werden. In dem Fall, dass kein Spieler den anderen vor vollendete Tatsachen stellt und ihm immer ein Raum zum Spielen lässt. Dennoch ist jede Interaktion mit Spielern auf das Wohlwollen und Lassen des anderen angewiesen. Zudem gibt es keine Spielleitung, die die Situation in eine bestimmte Richtung lenkt. Wenn sich also zwei Charaktere einfach einander kennenlernen wollen, wie in dem Beispiel, dann kann plötzlich einfach einer Dritter reinplatzen und Chaos verursachen. Szenen besitzen so nicht nur einen größeren Zufallsfaktor, der störend sein kann, sie sind auch öffentlich und stehen damit quasi zur Debatte. Sicherlich gibt es auch hier private Nachrichten, aber es macht ja am meisten Spaß, wenn alle im Rollenspiel zusammen eine Szene gestalten. Da es auch keinen einheitlichen Stil der Beiträge gibt, kann jemand sehr wenig tippen und viel verändern und die, die schön lange beschreiben und alle Regeln einhalten, müssen häufig bei allen Dingen, die andere Charaktere im Raum betreffen, innehalten. Es herrscht also auch eine gewisse Abhängigkeit von den Beiträgen der anderen.
Ein weiterer Nachteil ist die Regelmäßigkeit der Beiträge. Es sitzen eben nicht Spieler an einem Tisch, die sich extra dafür Zeit genommen haben, sondern eher zufällig kommen mal Leute on, die, wenn sie Lust haben, auch mal einen Beitrag hinterlassen. Wenn man sich nicht konkret verabredet, muss man Glück haben, um ein längeres und konsequentes Spiel entwickeln zu können.
Die großen Vorteile sind, auf der anderen Seite, eben jene Portionierbarkeit und die Leichtigkeit der eigenen Kreierung.  Die Zeit lässt sich perfekt einplanen, es gibt keinen Druck und man spielt, wenn man Lust dazu hat. Dazu können alle möglichen Inhalte erschaffen werden. Der Fantasie werden keine Grenzen gesetzt, was als Spieler in einer PnP-Runde doch nochmal etwas anders ist. Ich hatte auch ein paar Monate wirklich Spaß mit dieser Art des virtuellen Rollenspiels. Aber, so ist zumindest meine Erfahrung, man muss selbst auch wirklich regelmäßig Energie und Zeit reinstecken, weil ansonsten jedes Spiel einschläft. Diese Tendenz, dass man Textrollenspiele aus den Augen verliert und das Spiel dementsprechend stagniert, sehe ich als latent an. Aber es ist eventuell ein guter Einstieg für Neulinge, um sich einmal auszuprobieren.

 

Voice-Rollenspiel

Die zweite Form von virtuellen Rollenspiel, die ich selbst aber nur zweimal ausprobiert habe, ist eine gewöhnliche Runde, die aber per Webcam, Teamspeak, Skype etc. übertragen wird. Auf youtube gibt es da wohl einige Gruppen, die ihre Sitzungen regelmäßig hochladen, wer sich das mal anschauen will.
Im Grunde ist die Idee ja verlockend. Anstatt langwierige Wege auf sich zu nehmen oder für alle zu kochen, ist nur eine konstante Internetverbindung vonnöten. Es gibt auch Seiten, die dieses Form des Spiels unterstützen. Für die D&D-Spieler unter uns wurde mir:
https://roll20.net/compendium/
empfohlen. Auf dieser Seite ist so gut wie alles integriert, von der Karte bis zu den Würfeln und Monstern, was für einen Dungeonrun benötigt wird. Außerdem lassen sich noch diverse Mods und Zusätze kaufen. Der Account an sich ist aber ansonsten kostenfrei.
Diese Seite verdeutlicht auch ein wenig, was mit der virtuellen Seite des Rollenspiels verloren geht. Man teilt keinen gemeinsamen, realen Raum. Das heißt, alle Sichtobjekte müssen hochgeladen, jede Figur bewegt, jedes Objekt per Maus platziert werden. Das mag für gewohnte Internetnutzer vielleicht kein großes Problem darstellen, aber für alle anderen ist das schon aufwendiger. Man muss diese Seite natürlich nicht benutzen, aber dann ist die Frage, wie etwas kontrolliert und gezeigt wird. Natürlich kann jeder für sich würfeln und alle vertrauen aufeinander, aber das verleitet sehr zum Schummeln. Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass jeder für sich selbst würfeln will. Um zumindest diesen Punkt abzudecken, habe ich noch diese Seite hier entdeckt:
http://www.roll-dice-online.com/
Ein wichtiger Teil ist auch die Technik. Leute mit schlechter Verbindung sind schwer zu hören und wenn ihr Mikro nicht funktioniert, wird es ganz und gar kritisch. In meiner beiden Runden hatte jemand einen älteren Rechner mit einem dermaßen lautstarken Lüfter, dass man, immer wenn er gesprochen hat, das Gefühl hatte, er saugt gerade durch. Störgeräusche, wie Essen, Schmatzen, lautes Atmen etc., fallen im Voice-Rollenspiel deutlich stärker auf, als am Spieltisch. Wenn mit der Technik irgendwas nicht stimmt, dann wird die Runde wirklich anstrengend. Davor will ich warnen.
Zudem gibt es noch einen anderen wichtigen Punkt. Man hat meistens nur die Sprache als Informationsebene, vielleicht noch die Mimik, wenn man genau hinschaut. Aber genau das macht es für alle deutlich schwieriger Ambiente zu erschaffen. Das war auch etwas, woran ich mich erst gewöhnen musste. Normalerweise gucke ich beim Spielen dem Gegenüber ins Auge und stelle mich als Person so hin, wie auch mein Charakter stehen würde. Ich nutze stark meinen Körper beim Spielen. Da in eines von 3 Kästchen zu gucken, war sehr ungewohnt. Ich würde daher sagen, für bestimmte Arten des Rollenspiels, Dungeonruns, taktisches Rollenspiel usw., eignet sich diese virtuelle Form sehr, unter anderem, weil es auch bereits entsprechende Seiten gibt. Für jede Form von Atmosphärenrollenspiel wird es deutlich schwieriger. Es ist zwar nicht unmöglich, aber es ist mit deutlich mehr Aufwand verbunden, als am Spieltisch.
Ich will also zusammenfassend sagen, an sich funktioniert Voice-Rollenspiel. Die Atmosphäre ist zwar eine andere, weil sie nicht so unmittelbar und damit immersiv ist, und es ist nicht so einfach für mehrere Spieler immer zu warten, bis man reden darf, weil auch immer nur einer reden kann, doch davon abgesehen, klappen die ganzen grundlegenden Spielmechaniken gut am Rechner. Für eine 8 Stunden Sitzung würde ich es zwar nicht empfehlen, weil einem irgendwann die immer gleiche Sitzgelegenheit wohl unbequem wird, aber gerade für kleinere, schnellere Runden zwischen 2-4 Stunden würde ich Voice-Rollenspiel auch weiterhin nutzen.

So, das waren meine Erlebnisse zum virtuellen Rollenspiel. Ich bin mir sehr sicher, dass es da draußen noch zig Alternativen und Seiten gibt. Ich hatte gehört, dass bestimmte Spiele, wie Neverwinter Nights, einen Dungeon-Editor besitzen. Allerdings habe ich entsprechende Spiele nie in der Hinsicht getestet, dass ich dazu etwas erzählen könnte. Aber wenn ihr da bereits Erfahrungen gemacht habt, würde ich mich über einen Kommentar eurerseits freuen.

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