Militärsimulationen – mehr als nur ein Spiel?

Als Soldat der Bundeswehr verfolge ich immer recht gespannt Umsetzungen des Militärs in andere Medien. In letzter Zeit ist mein Freundeskreis recht aktiv in Militärsimulationen wie Arma 3 oder Wargame: Red Dragon geworden. Bei beiden wird die Realitätsnähe betont und wie gut sie auf einen echten Einsatz vorbereiten können. An dieser Stelle wird es für mich als Offizier interessant. Ich will an dieser Stelle daher prüfen, inwieweit Militärsimulationen tatsächlich Ausbildungsinhalte vermitteln können.

Kriegsspiele sind nicht neu

Sogenannte Wargames, also das Durchspielen von militärischen Szenarien, sind nichts Neues beim Militär. Sie werden ständig angestellt und durchgerechnet. Vor einigen Wochen wurde erst ein Wargame zu Russland gegen Polen durchgeführt. Darin hat Russland Polen innerhalb weniger Tage besetzt. Das führte zu Besorgnis und Bestrebungen intensiverer, verteidigungspolitischer Zusammenarbeit. Diese Wargames sind also nicht unerheblich für die Politik. Trotz des Namens steckt in ihnen jedoch wenig Spiel. Im Grunde sind sie Gedankenexperimente. Es werden mit realen Zahlen und Verhältnissen mögliche Angriffs- und Verteidigungspläne durchgespielt. Während in einem echten Spiel anhand eines Regelwerkes Ergebnisse berechnet werden, sitzen bei einem Wargame Militärexperten an einem Tisch und beurteilen minutiös jede einzelne Truppenbewegung, um ein möglichst realitätsnahes Erlebnis zu erhalten. Das ist per Definition eine Simulation. Ein Spiel kann das aber nicht leisten und will das auch nicht leisten. Denn Spiele sollen Spaß machen und auch wenn es Hardcore-Strategen gibt, für die die Excel-Tabelle hinter den Spielmechanismen interessanter sind, als das eigentliche Spielerlebnis, ist ein Spiel konzeptionell nicht für diese Art von Simulation ausgelegt.

Wenn wir also von einer Militärsimulation als Spiel reden, dann sprechen wir über die Gamification, also die Verspielichung, einer solchen Simulation. Realismus wird zu Gunsten von Spielbarkeit eingeschränkt. Das ist wichtig, weil die Realität selten Spaß macht. Natürlich ist es schön, sich mal als großer Feldherr zu fühlen. Aber das ist ein komprimiertes und pointiertes Spielerlebnis. Tatsächlich eine Schlacht zu planen ist viel Arbeit, bei der zahlreiche Ebenen und Personen eingebunden sind.

Nützt es was?

Wenn die Simulation aus Gründen des Spielerlebnisses eingeschränkt werden muss, bleibt die Frage, ob das Spiel dann überhaupt noch einen Lehreffekt haben kann. Diese Frage kann ich eindeutig mit Ja beantworten.

Seit Beginn der Moderne leben wir in immer ausdifferenzierteren Systemen. Handlungen, Entscheidungen und Risiken werden stets komplexer und vielschichtiger. Ich bin also nicht Soldat, sondern Funker, Orientierer, Scharfschütze, Fahrer usw. Einer Idee kommen zahlreiche Anwendungsbereiche zu. Das heißt, selbst wenn das Kriegsspiel nicht das Soldatenleben 1:1 wiederspiegelt, besitzt es genügend differenzierte Einzelbereiche, die wichtige Inhalte vermitteln können. Im Falle von Arma 3 kann ich hier sehr gut Funksprache, Sicherungsbereiche, Zielansprachen und Orientierungen üben. Der große Vorteil an dem Kriegsspiel ist nun, dass ich bei der Übung Spaß habe. Militärisches Vorgehen wird belohnt, weil es dank der Simulation schlicht im Spiel funktioniert. Wenn ich die Funksprache nicht einhalte, dauert es viel zu lange, wichtige Informationen weiterzugeben und meine Figur ist tot, bevor die übergeordnete Stelle weiß, wohin sie Unterstützung schicken soll. In Wargame: Red Dragon baue ich eigene Kompanien und lerne die Stärken sowie Schwächen bestimmter Waffensysteme. Gleichzeitig präge ich mir die taktischen Zeichen für meine Einheiten ein. Das sind nützliche Auffrischungen aber genau das ist auch der Haken.

Militärsimulationen als adäquates Ausbildungsmittel?

Diese Frage würde ich wiederum verneinen. Die Manöver und Formationen funktionieren in den Spielen, weil ich mit anderen Soldaten spiele. Sie kennen die Grundzüge der Bewegungen und Taktiken im Feld. Vor meiner Zeit in der Bundeswehr war Arma für mich ein Ego-Shooter, der viel zu schwer und umständlich zu bedienen war. Ich konnte aufgrund des mangelnden Wissens seinen Ausbildungsnutzen nicht aktivieren. Als ich dann für kurze Zeit in einem Klan gespielt habe, wurde mir auch nicht beigebracht, wie man ein guter Soldat ist, sondern wie man gut spielt. Daran verändern auch Realismus-Mods nichts. Realismus wird in dem Milieu immer als Maßstab des Guten verwendet. Wenn man sich dann aber betrachtet, wie diese Klans spielen, hat das oft wenig mit Realismus zu tun. Sie sind Spieler. Sie wollen Spaß haben. Der Realismus ist hier nur Teil des Spielerlebnisses. Wenn sie sterben, jubeln sie nicht, wie toll sie gerade verblutet sind, sondern ärgern sich, 20 Minuten zurück zur Front laufen zu müssen.

Ich fasse daher zusammen, dass erwerbbare Militärsimulationen nach wie vor als Spiele verstanden werden müssen. Sie bilden weniger die Realität ab und machen sie eher zu einem Teil ihres Erlebnisses. Dieser Umstand jedoch, kann, das nötige Wissen oder die nötige Anleitung vorausgesetzt, reale, militärische Inhalte vermitteln.

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