Betrug am Spieltisch – Über den Fluch und Segen des Schummelns

In der Computerwelt gelten sie Pest. Sie gelten als Armutszeugnis für die Entwickler, die sie möglich gemacht haben, und für die Spieler, die sie nutzen. Denn sie sind die Anti-Regeln, die Regelbrecher, die jeden verdienten Spielinhalt und jede erlente Spielfertigkeit entwerten. Die Rede ist von Cheats oder Schummelleien in der deutschen Sprache. Als langjähriger Computerspieler kann ich die Frustration mit diesem Thema verstehen. Es wird immer Lücken im Code geben, die dann sogar gegen Bezahlung für jeden Willigen nutzbar gemacht werden. Glaubt man Berichten von Cheatern, so genießen sie ein Hochgefühl gottgleicher Macht. Das Gefühl der Unbesiegbarkeit und völliger Überlegenheit soll wie ein Rausch sein. Nur für alle anderen Bedeutet es Wut und Hilflosigkeit.
Während die Sach- und Gefühlslage in der digitalen Welt recht geklärt scheint, offenbart sich in der fantastischen Welt des Rollenspiels ein anderes Bild. Mogeleien haben darin nämlich durchaus ihren Nutzen und ihre Berechtigung. Deshalb will ich in diesem Beitrag den kleinen und großen sowie guten und schlechten Betrügereien unseres Hobbies widmen.

 

Was heißt gutes Schummeln?

Während ich es vor dem PC strikt ablehne, cheate ich als Spielleitung recht häufig. Ich klappe meinen Meisterschirm auf und würfle dahinter verdeckt. Der Grund dafür ist denkbar einfach. Ich muss als Spielleitung stets die volle Kontrolle über das Geschehen haben. Ich hatte in einem anderen Beitrag bereits beleuchtet, wie Spielregeln der Spielleitung Macht entziehen und wie diese Macht von gewieften Spielern dann gegen die Spielleitung, den Plot und damit auch den Gruppenspaß eingesetzt werden kann. In kritischen Situationen sind solche Kontrollverluste schlicht nicht akzeptabel. Wenn in der Mitte des Abenteuers durch eine Reihe von schlechten Würfen die Gruppe sterben würde oder eine Situation nur gelöst werden kann, wenn endlich ein bestimmter Wurf klappt, dann erschafft das nur Frust. Sicherlich kann man argumentieren, dass sowas immer durch gute Abenteuerplanung vermieden werden kann, was auch richtig ist, nur lässt sich kaum ein Abenteuer komplett durchplanen. Nehme ich solche riskanten Würfe in Kauf, kann ich als Spielleitung die Konsequenzen dann auch kaum abschwächen, denn das zerstört Glaubwürdigkeit. Außerdem verleitet es die Spieler nur dazu, sich unbesiegbar zu fühlen und Unsinn zu machen. Es ist schon im Interesse der gesamten Gruppe, dass nach Werten und Regeln gespielt wird und dass kritische Würfe zum Mitfiebern animieren. Die Gefahr muss real wirken, nur ich will ihr Ergebnis bestimmen.
Eine andere Sache sind unkritische Ereignisse, wie jede andere Situation, die nicht zum ungeplanten Ende der Gruppe, eines Charakters oder des Plots führen. Hier wurde das Rollenspielbegriffspaar „Failing foreward“ geprägt. Das Würfe scheitern, kann zu unerwarteten Handlungen und damit zur Szenenentwicklung beitragen. Stärker formuliert: weil Würfe scheitern, müssen Spieler kreativ werden, weil sie sich nicht auf den Werten ihres Charakters ausruhen können. Diese Fehlschläge verdeutlichen auch den Glauben an die Würfel. Wer immer wieder erlebt, wie eine Handlung durch Pech fehlschlagen kann, der wird gerade in kritischen Momenten beide Daumen fest drücken. Das ist es auch, was das gute Schummeln für mich ausmacht. Es ist ein spaßfördernder Betrug, der den Zweck hat, Frustmomente zu vermeiden oder Spielabschnitte gezielt zu verkürzen. Aber gilt das auch für den Spieler?

 

Was ist schlechtes Schummeln?

Tatsächlich ist das auf Spielerseite gar nicht einmal anders. Ich weiß von einem Cheater in meiner Gruppe. Der versucht zwar immer noch schlechte Würfe einzubauen, damit es insgesamt anders aussieht, aber in jeder halbwegs wichtigen Situation gelingt ihm jeder Wurf und das bei Wahrscheinlichkeiten unter 30% mit bis zu 6 Wiederholungen hintereinander. Er würfelt immer in eine dunkle Ecke oder wenn niemand darauf achtet und dreht den Würfel dann so ins Licht, dass seine gewünschte Zahl gezeigt wird. Damit hat er schon mehrfach die Gruppe in einigen sehr gefährlichen Situationen gerettet. Auch wenn es paradox klingt, aber dafür bin ich ihm dankbar. Das kommt wahrscheinlich daher, weil ich das ansonsten hätte machen müssen und er mir da meine Betrügerei abgenommen hat.
Auf der anderen Seiten hatten wir einen kritischen Endkampf, in der die Charaktere bereits Gliedmaßen verloren hatten (in dem System war das nicht ganz so tragisch) und ihre Lebenspunkte im niedrigen, einstelligen Bereich waren. Der Spieler wurde während des Kampfes nicht einmal angekratzt. Man muss dazu sagen, er spielte den Tank und stand in der ersten Linie. Da die anderen Spieler aber sehr viel Spaß mit der Dramatik und der Schwierigkeit des Kampfes hatten und der Cheater gelangweilt jeden Schlag in dickster Rüstung auswich, wurde das Gruppenerlebnis konterkariert.
Hier nimmt sich der Cheater aus der Szene raus. Er teilt nicht mehr das gleiche Erlebnis, wie der Rest der Gruppe. Anstatt Spannung zu spüren oder seine Fertigkeiten optimal zu nutzen, stand er da und hat einen Standardangriff nach den nächsten ausgeführt. Er tat dies, obwohl er durchaus eine größere Auswahl an Fertigkeiten gehabt hätte, die zu interessanten Wendungen im Kampf hätten führen können. Aber das Cheaten hat ihn diese Kreativität genommen. Er wusste ja, dass er unbesiegbar ist, warum sollte er sich auch anstrengen? Letztendlich hat er sich damit den Spielspaß und ein Stück weit auch seine Szenenpartizipation selbst verdorben. Das ist es am Ende auch, in welche Richtung das schlechte Schummeln immer führt. Wenn es egoistisch und nur für den eigenen Vorteil genutzt wird, wird das Spielerlebnis entwertet. Der Cheater befindet sich dann auf einer Metaebene, die weder den Nervenkitzel, noch die taktischen Herausforderungen der eigentlichen Szene beinhaltet. Er mag sich, durch das Machtgefühl, vielleicht kurzzeitig gut fühlen, kann diese Emotion aber nicht mit der Gruppe teilen, was sie selbst noch einmal reduziert. Deswegen würde ich zu dem Schluss kommen, dass das egoistische Schummeln im Rollenspiel, dem Cheater die Szene kaputt macht. In einem Computerspiel kann es ihm egal sein, was mit den anderen ist. Im Rollenspiel wird der Spaß aber vor allem über die anderen generiert. Egoistisches Cheaten macht, meiner Meinung nach, daher im Rollenspiel keinen Sinn, denn man schadet sich nur selbst.
Um zum Abschluss noch etwas Provokantes zu sagen: Vielleicht ist das auch einer von meheren Gründen, warum Powergaming so verpöhnt ist. Durch Wertoptimierungen die Großzahl der Würfe zu meistern, ist zwar kein Schummeln, geht aber in diese egoistische Richtung der Herausforderungsignorierung (ich optimiere nur für mich, um unbesiegbar zu werden). Damit das funktioniert, müssen sich aber alle streng an die Regeln halten, weil ansonsten die Kalkulationen nicht mehr stimmen. Ich will den Optimierern keine böse Absicht vorwerfen, denn sie handeln schließlich nur nach den Regeln. Aber sobald nicht alle mitmaximieren, kann die Spielleitung nicht den gesamten Schwierigkeitsgrad auf das Level der Optimierung erhöhen, ohne dass die anderen, unoptimierten benachteiligt werden. Genau das führt auch wieder zu dieser Ungleichheit im Handlungspotenzial. Überspitzt gesagt: einer ist Gott und macht alles aber die anderen können nur zusehen. Oder andersrum: die anderen schwitzen und bangen aber der Powergamer schläft ein. Ob nun durch egoistisches Schummeln oder Powergaming: die Spielbalance wird damit durcheinander gebracht und das gemeinsame Erleben gestört.

Hat bei euch schon jemand einmal in der Gruppe betrogen? Wenn ja, wie seid ihr mit ihm vorgegangen? Den Spieler in meiner Gruppe haben meine Gruppe und ich darauf angesprochen. Er beteuerte, dass das alles nur Glück war. Nachdem dieses Glück aber auch durchgängig die zweite Spielsitzung anhielt, haben wir uns dann dazu entschieden, dass jeder nacheinander, gut einsehbar und offen in der Mitte des Tisches würfelt.

 

5 Gedanken zu „Betrug am Spieltisch – Über den Fluch und Segen des Schummelns

  1. Markus

    Für mich persönlich gehört das ganze Thema zum größten Teil irgendwie der Vergangenheit an. Ich meine, wieso sollte ich ein Spiel spielen, bei dem meine Erfüllung davon abhängt, was die Würfel zeigen? Gerade bei Rollenspielen erscheint mir das so offenkundig … widersinnig!
    In meinen Runden sind die Würfel heutzutage nur noch dafür da, als Zufallselement für die Entwicklung der Ereignisse zu dienen. In meinen Runde besteht in egal welcher Situation und bei egal welchem Würfelergebnis nie ein Zweifel darüber, wer die Helden der Geschichte sind. Klar, das muss das Rollenspielsystem auch mitmachen. Aber dazu gibt es ja längst entsprechende Rollenspielsysteme – allen voran Fate.

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  2. Ariatros Artikelautor

    So, nach kurzer Abwesenheit freue ich mich, wieder hier an den Kommentaren teilnehmen zu können.
    Ersteinmal vielen Dank für die Meinungen. Gerade die Links zeigen, wie kontrovers man das Schummeln am Spieltisch sehen kann.
    Ich würde jetzt nicht soweit gehen und Schummlern negative Prädikate zu geben, aber in meheren Punkten stimme ich dem ersten Link von ghoul zu. Ich, als Spielleiter, will die Kontrolle behalten – oder zumindest in den kritischen Situationen, in denen die Gefahr zu groß ist, dass sie das Spiel kaputt machen könnten. Und ja, die Spieler merken sehr schnell wenn man schummelt. Deswegen sollte die Betrügerei, meiner Meinung nach, auch nur für solche Situationen eingesetzt werden. Denn da stimme ich voll zu: wenn die Spieler merken, alles verläuft auf einer Schiene, warum dann überhaupt versuchen etwas zu verändern? Das würde ja gerade dem selbstgestalterischen Ansatz des Rollenspiels entgegenstehen.
    Vielleicht kann man auch soweit gehen und sagen, dass man auch beim Betrügen als Spielleitung gut sein muss. Das heißt, den Betrug für den Spielspaß der gesamten Gruppe und nicht nur für die eigene Erzählsicherheit einsetzen sollte.

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  3. ghoul

    Erstmal: Meine Anerkennung dafür, dass Du so besonnen auf meine ghoulischen Provokationen antwortest. Nicht jeder kann damit umgehen!
    Zur Belohnung verrate ich auch einen persönlichen Grund, warum ich so SchErz-feindlich gesinnt bin: Ich bin früher selber auf die SchErz-Ideologie hereingefallen. Damals war ich 17 und habe V:tM geleitet.

    Zu Deinem letzten Satz: Glaubst Du wirklich, man kann so „gut“ schummeln, dass es den Spielern auf Dauer nicht auffällt, bzw. dass auch nicht der leichteste schale Beigeschmack entsteht?
    Du willst Spielspaß kontrolliert herbeiführen. Aber ein Teil des Spielspaßes besteht nunmal im Bangen um den heiklen Würfelwurf. Warum also nicht offen würfeln?
    Ich bin überzeugt davon, dass ein SchErz-bold im allerbesten Fall nur eine so bereichernde Geschichte generieren kann wie es die unverfälschte zufallsgetriebene Spielweise auch vermag. Allerdings sind die Risiken beim SchErz für das Ansehen des Spielleiters nicht zu vernachlässigen. SchErz lohnt sich einfach nicht.

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