Rollenspiel als neues Selbstverständis – eine Provokation zur aktuellen Lage

Aufgrund von Hausarbeiten und Referaten muss ich diesen Monat früher posten: Heute will ich mal ein Thema behandeln, dass mir ständig im Alltag begegnet und mit dem ich andauernd mit konfrontiert werde. Um die Pointe nicht zu verderben, verrate ich noch nicht, worum es geht. Aber im folgenden Text will bewusst provozieren und zu einer Diskussion über das Thema anregen. Vielleicht habt ihr ja auch eine ähnliche Erfahrung gemacht. Ich würde mich auf jeden Fall freuen, mich mit euch darüber am Ende in dem Kommentarbereich austauschen zu können.

Beobachtung 1:

Kennt ihr das? Ihr lernt jemand Neues kennen, man kommt in ein Gespräch und sobald man das eigene Hobby erklärt, sieht man nur noch hochgezogene Augenbraue. Die Vorstellung, gemeinsam mit Freunden Reisen in die Fantasie zu unternehmen, scheint so abwegig und ungewohnt, dass man scheinbar in den Augen dieser Personen in der Kindheit zurückgeblieben ist. Vielleicht bin ich nicht besser, denn ich persönlich verstehe auch nicht, warum Menschen meiner Alters jeden freien Abend dazu nutzen, sich in Diskotheken volllaufen zu laufen, nur um am nächsten Tag alles davon zu bereuen. Das ist für mich genauso absurd, wie für andere sich als Rollenspieler zu outen. Aber ich verurteile niemanden, der daran Gefallen findet. Ich kann die Situationskomik aus Alkohol zumindest nachvollziehen, auch wenn ich sie nicht gutheiße.  Auch verstehe ich, dass Diskotheken als Balzzentren dienen, deren überlaute Musik verbale Kommunikation dermaßen erschweren, dass rein körperliche Attraktivität eine Schlüsselrolle in ihnen einnimmt.
Wird soziale Interaktion primär auf diese Weise erfahren, nämlich durch Saufen und Fortpflanzung, entsteht daraus eine Normalität, die ihre Werte vor allem im Praktischen verankert. Es geht darum, dass der eigene Körper stimuliert wird. Jede Erfahrung muss gleichzeitig auch eine körperliche sein, um nicht von dieser Normalität abzuweichen. Diesen Personen zu erzählen, dass man als Hobby sich irgendwie sportlich oder handwerklich, und sei es nur beim Bemalen von Figuren, betätigt, löst Zustimmung aus. Abseits dieses Bewertungsschema findet sich jedoch nur Spott und Häme.
Was passiert mir also viel zu häufig, wenn ich vor diesen sogenannten normalen Menschen mein Hobby erkläre? Nun, die neugierigen Zuhörer können sich nur selten das süffisante Grinsen verkneifen oder ihre „interessierten“ Nachfragen, deren Zweck es hauptsächlich ist, die eigene Erzählung der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch anstatt klarer Argumente für ihre Vorverurteilung, ertönt nur sirenenhaft eine Interjektion wie „Jooooo.“, als wäre damit alles gesagt. Dieses alles lässt sich mit Zeitverschwendung, was für Kinder und Nerds zusammenfassen.

Beobachtung 2:

Ein Schaf soll ich sein, ein Zombie, ein Wegducker, jemand der die offensichtliche Wahrheit nicht sehen kann, weil er von einer vagen aber unvorstellbar einflussreichen Macht kontrolliert wird. Fakten sind was für dumme, autoritätshörige Schäfchen. Der Kluge hört nur auf das, was auf dubiosen Seiten ohne belastbare Fakten genannt wird. Das ist der neue Untergrund gegen ein globales Regime, dass nirgendswo vorzufinden ist, aber jeder spürt. Jeder Widerspruch, jedes Detail der Umwelt wird in die neue Weltanschauung, die jede Fragen beantworten kann, inkludiert. Allein mit Hilfe der eigenen Vorstellung, wird eine komplett eigene Realität erschaffen, die sich so viel besser anfühlt, als die alte. Sie vereint die Sehnsucht nach Anerkennung, Heroismus und Exklusivität der eigenen Person und erfüllt diese. In ihr steigt man zu einem neuen Charakter auf: einem Wissenden, der in mehreren Welten gleichzeitig seine Rollen spielen kann.
Das klingt vertraut, oder?

Konklusion:

Diese sogenannten normalen Menschen, die Rollenspiel aus dem puren Habitus ihrer Sozialität ablehnen, werden selbst zu Rollenspielern, ohne es zu merken. Im Gegensatz zum Hobbyisten stimmen sie dem Spiel aber nicht zu und können es auch nicht beenden. Sie können ihren Charakter nur vor anderen verstecken. Sie haben die Realität mit ihren harten Fakten verlassen und sich einer Fantasiewelt hingegeben, die sich viel besser anfühlt.

Inhalte spielen keine Rolle mehr, nur noch Emotionen. Anstatt also sich als Runner in der Shadowrun-Welt zu fühlen (das wäre viel zu abwegig), glaubt man viel mehr an jüdische Weltverschwörungen und Echsenmenschen (denn das ist viel weniger abwegig). Interessanterweise ist der Grad an Realitätsverachtung in diesem Setting aber nicht viel höher. Das Setting spricht nur mehr Leute an.

Was unterscheidet diese Menschen von Rollenspielern? Jemand sagt ihnen, wie die Welt ist und sie schlucken es (was sie übrigens anderen immer vorwerfen). Die Weltgestaltung kann dabei jede Form (hohle Erde mit auf Dinosaurier reitenden Nazis, Merkel-Regime, Aliens, Trump als Retter von global gefangenen Kindern die für ein Unsterblichkeitsserum gefoltert werden) annehmen und ist nur durch die eigenen Fantasie begrenzt. Gleichzeitig trennen diese sogenannten normalen Menschen ihre zwei Welten. Sie können freundlich und rational in der Arbeitswelt sein und im Privaten nahtlos in ihren Charakter schlüpfen. Zugegeben, sie würfeln nicht. Sie nutzen eher ein Larpregelwerk, aber ein Regelwerk besitzen sie trotz allem. Je nach bespielter Welt muss auf andere Sachen geachtet werden (Alu-Hüte, Impfungen verweigern, alles hassen, was nicht ihre Meinung hat).
Ich glaube, der einzige Unterschied ist, dass sie einfach nicht wissen, dass sie Teil eines Spiels sind – von echten, unsichtbaren Mächten, die unsere demokratische Ordnung brennen sehen wollen.

Nachtrag
Ich denke, es meldet sich niemand mehr zu Wort. Dann will ich jetzt meine bisherigen Beobachtungen meiner Feldforschung zu diesem Thema bekannt geben. Ich habe parallel für ein Seminar Interviews durchgeführt und eine teilnehmende Beobachtung betrieben. Das hier sind die Ergebnisse:

Wie können Menschen die Realität, die sie wahrnehmen, dermaßen negieren?

Verschwörungstheorie muss als Ersatzreligion verstanden werden. Die Welt ist zu komplex geworden, um sie zu verstehen. Eine Person hat keinen eigenen Zugang zu dem Wissen, um sie zu verstehen, wenn sie sich in ihrem Leben nicht entsprechend spezialisiert hat. Sie kann nur noch ihr Vertrauen verleihen und Quellen glauben. Dieser Glaube kann, wie bei einer Religion, sich auch esoterisch ausgestalten. Die Beobachteten kamen meistens aus bildungsferneren Schichten oder hatten, bei bildungsnäheren Schichten, ein Unzufriedenheit schürenden Erlebnis erfahren. In der Verschwörungstheorie finden sie auf eine schnelle und bequeme Art Anerkennung, die sie suchen. Sie gibt ihnen Exklusivität, eine Aufwertung der eigenen und eine Abwertung aller anderen Personen sowie eine Gemeinschaft der Underdogs. Die Verschwörungstheorie kann zudem alles erklären und lässt nichts unbeantwortet. Sie ist vage und flexibel genug, um Inhalte jeder Art zu integrieren. Widersprüchliche Fakten führen daher eher dazu, dass die Theorie nicht widerlegt, sondern die Fakten in Zweifel gezogen werden. Auch das spricht für einen religiösen Charakter.

Warum ist die überwältigende Mehrheit der Verschwörungstheorien mit rechten Gedankengut verknüpft?

Inhalte spielen bei Verschwörungstheorien keine Rolle. Sie können sich auf den Plattformen problemlos widersprechen, ohne dass sie Diskussionen provozieren. Allgemein gibt es keine abweichenden Meinungen auf Foren. Falls es sie in seltenen Fällen doch gibt, werden sie einfach ignoriert. Es geht darum, die Menschen emotional zu mobilisieren. Emotionen ersetzen Inhalte, die aufgrund des Glaubens sowieso austauschbar sind.

Durch diese Austauschbarkeit können und werden Verschwörungstheorien politisch instrumentalisiert. In den beobachteten Foren und Kommentarbereichen war das stets maßgeblich von rechts. Es folgt dabei eine mehrstufige Transformation. Es gibt eine Verschwörungssammelgruppe, in der jede Verschwörungstheorie einen Platz findet und die entsprechend verschiedene Leute ansammelt. Das macht etwa 1/3 der Seite aus. Der Rest der Meldungen sind politisch motivierte Fake News über die Politik. Dabei werden Begriffe geschickt platziert und von anderen Verschwörungstheoretikern übernommen. Deswegen glauben Menschen, die gegen Impfungen auf die Straße gehen, auch an die Merkel-SS. Durch die Begriffsvernetzung und weiterführenden Themen werden die Menschen, wie bei einer Einstiegsdroge, dann auf die zweite, eindeutig rechtsradikale Gruppe aufmerksam. Hier ist der Ton deutlich rauer und es gibt Aufrufe zum Aktionionismus sowie zur Gewalt.

Interessanterweise weisen die Menschen, die eindeutig nationalsozialistische Inhalte posten, jede Sympathie zu Nazis oder zur AfD weg. Den Widerspruch erklären sie meistens mit: „Ich finde die auch nicht gut aber…“. Es gelten demnach also noch allgemeine Normen, die aufgrund der geposteten Inhalte allerdings untergraben werden. Die Reaktionen auf die hoch frequentiert geposteten Beiträge sind immer gleich: Empörung, Wut und/ oder Lachen. Es gibt einen allgemeinen Wertekanon: Wir, der einfache Bürger sind das deutsche Volk und die guten, alles andere wird von Denen da oben, den Eliten, kontrolliert.

Wie werden Desinformationen distribuiert?

Alles muss sofort geteilt werden. Dabei können das kleine Detailinformationen oder große Weltverschwörungen sein. Sie lösen alle die gleiche Dauerempörung aus und die Leute sind auch immer wieder aufs Neue empört. Eigentlich müssten sie die Nachrichten gewohnt sein, weil es keine abweichenden Nachrichten gibt und im Grunde die Kernaussage, dass die bösen Eliten alles kontrollieren, immer wieder wiederholt wird. Die Antworten darauf sind entsprechend immer gleich und ebenso schnell getippt. Es wird eine Bestrafung mit maximal Strafmaß gefordert oder sich zynisch geäußert. Auch hier sind es wieder keine inhaltlichen Äußerungen, sondern einfach die Wiedergabe der Emotion, die der geteilte Beitrag auslösen soll.

Jenseits der eigenen Gruppen, in der die Mitglieder nichts als Zustimmung erfahren, wird eine aggressive Verteilungsstrategie verfolgt. In den Kommentarbereich der Tagesschau posten wenige User sehr viel. Sie organisieren sich meistens in einem Kommentarblock. Also einer stellt eine These auf, die anderen unterstützen diese oder attackieren alle Gegenmeinungen zu ihr. In Reaktion darauf organisiert sich ein Ring aus faktenorientierten Usern, die die Fake News entlarven wollen. Widersprüchliche Fakten zur eigenen Verschwörungstheorie führen jedoch dazu, dass diese nur noch stärker verteidigt wird.

Im realen Leben gibt es für Verschwörungstheoretiker zwei Gesichter. Menschen können im Arbeitsumfeld nichts von ihrem Glauben anmerken lassen. Sie drängen jedoch im Privaten auf eine Konfrontation mit ihrem Weltbild. Sie wollen ihr Weltbild präsentieren und Gleichdenkende finden. Sie wollen Bestätigung und Anerkennung für ihren Einsatz als Underdog gegen das System.

4 Gedanken zu „Rollenspiel als neues Selbstverständis – eine Provokation zur aktuellen Lage

  1. ghoul

    Zu Beobachtung 1: Ja, naja, vielleicht. Ich würde jetzt aber keine scharf Grenze ziehen zwischen Menschen. Die meisten sind ja vielseitig. Stimmt aber, das viele Menschen schon durch einfache Brettspiele über fordert werden. Aber Schafkopfen, Doppelkopf, Skat sind doch auch bei hemdsaermeligen Menschen akzeptiert. Ich jedenfalls erzähle weder jedem von meinen geistigen Vergnügungen, noch von meinen körperlichen, wenn es nicht gerade sehr gut passt.
    Beobachtung 2: Solche Leute kenne ich nicht so viele: Vermutung a): Leute die zu Esoterik neigen und Erklärungen brauchen? b) Leute die angesteuert und unsicher sind?

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    1. Ariatros Artikelautor

      Leider gar nicht. Ich bin durch mein Umfeld fast täglich damit konfrontiert. Man denkt immer Verschwörungstheoretiker, die Bill Gates als Anti-Christen sehen und behaupten Impfungen bestehen aus Affenhirn, Gebärmutter, Quecksilber und Mikrochips, sind Aluhut tragende Spinner. Ganz und gar nicht, da sind viele ganz normale Personen drunter. Das ist erschreckend und faszinierend zugleich. Denn man kann sich ganz normal mit ihnen unterhalten und sie arbeiten als Lehrer oder sogar in Universitäten. Aber sobald man die öffentlichen Seite dieser Person verlässt, weil sie zum Beispiel Zuhause besucht, wechseln sie in die Rolle des Verschwörungstheoretikers. Da werden die krudesten Theorien ausgepackt.
      Das hat für mich überhaupt keine innere Logik. Wie kann ich Lehrerin sein und dann neben Rechten, die die Reichskriegsflagge schwingen, „für die Zukunft meiner Kinder“ kämpfen, indem ich Impfungen pauschal ablehne?
      Ich würde sehr gerne wissen, wie man das erklären kann und warum das auch alles von rechts gesteuert ist. Menschen, die gegen Impfungen sind, übernehmen auch ohne jede Reflexion die Argumente von rechts. Auf den Demos kommen dann nur noch Kampfbegriffe: Merkel-Regime, demokratische Diktatur, Maul verbieten – alles was offensichtlich nicht der Fall ist, aber 1:1 ins rechte Weltbild passt.
      Ich frage mich dann immer, wie viel Imagination es braucht, die Realität so weit auszublenden, dass diese absurden Annahmen Platz im Geist eines Menschen finden.

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  2. ghoul

    Hm. Wahrscheinlich trotzdem angstgesteuert. Man ist manchmal ueberrascht, wie viele Menschen einen Dachschaden mit sich rumschleppen.

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    1. Ariatros Artikelautor

      Ich glaube, Angst ist vielleicht zu stark, aber auf jeden Fall Unsicherheit. DIe Welt ist endlos komplex geworden und die erste Angst des Menschen, ist die vor dem Unbekannten. Niemand versteht das Geldsystem, Macht- und Einflusssphären wirklich vollständig. Es ist für jeden vorstellbar, dass es Interessensgruppen aller Art gibt, die rücksichtslos ihren Gewinn oder ihre Kontrolle darin ausbauen. Wobei das natürlich auch ein recht negatives Menschenbild voraussetzt. Das Alte, das Konservative besitzt eine Vertrautheit und Sicherheit, die in den heutigen Debatten über neue Technologie oder Gesetze vermisst wird. Manipulative Gruppen müssen daher auch keine Inhalte ansprechen, es reicht die Menschen emotional zu berühren. Denn das ist scheinbar bei vielen das einzige, worin sie sich noch sicher sind. Vielleicht bildet sich in diesem Prozess ein neues Vertrauen aus, was krampfhaft an jeder „alternativen“ Meinung festhält, damit das eigene Weltbild, welches sich aktiv gegen das alte gewendet hat, bestehen bleibt.

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