Entwicklertagebuch, Teil 3 – Betatests

Da ich einiges an Feedback von Lesern erhalten habe, die gerne mehr und kleinteiliger zu meiner aktuellen Rollenspielentwicklung etwas erfahren möchten, informiere ich euch mit diesem Beitrag über meinen aktuellen Arbeitsstatus. Ich bin gerade am Vorbereiten der Beta-Tests und will euch einen kleinen Einblick darin geben.

 

Warum testen?
Es stellt sich natürlich für jeden Rollenspielentwickler erstmal die Frage, warum überhaupt in sowas wie Alpha- und Betatests unterschieden wird und warum die Mechanismen, die in den meisten Fällen auf Mathematik und nicht Narration basieren, nicht ohne Spieler in kontrollierten Testabläufen poliert werden können. Dazu will ich eine kurze Geschichte erzählen. Ich meiner Heimatstadt ist es einigermaßen schwierig, Spieler für das Rollenspiel zu organisieren. Ich weiß nicht, ob sie dort dünn gesät sind oder es nur zu wenig zentrale Orte oder Plattformen gibt, um passende Gleichgesinnte zu finden. Aber im Allgemeinen ist eine zeitintensive Herausforderung, auch nur eine Runde zusammen zu bekommen. Wenn ich das einmal im Monat erreiche, ist das schon überdurchschnittlich viel.  Das Problem verdoppelt sich, besonders der Lust der Spieler, nochmal, wenn sie wissen, sie müssen gezielt testen und können nicht entspannt spielen. Daher habe ich von den grundlegenden Überlegungen, wie die Regeln auszusehen haben, bis zur Alpha allein testen müssen. Ich war in dem Fall also gleichzeitig selbst Spieler und bin Seite für Seite meinen eigenen Anweisungen gefolgt. Dabei habe ich verschiedene Rollen, vom Regelenthusiasten, der den größten, kalkulierbaren Vorteil haben möchte, bis hin zu jemanden, dem das alles egal ist und der einfach nur schnell spielen will, eingenommen. Das hatte den großen Vorteil, dass ich recht zeiteffektiv arbeiten konnte und auch das Gefühl hatte, das System würde immer anwendungsfreundlicher werden. Doch dann kam der erste Testspieler.
Kaum saßen wir zu zweit am Tisch, zeigte sich, wie viel Erklärungsbedarf nötig war, um die Regeln einzusetzen. Ein zweiter Punkt war eine Art der Bequemlichkeit. Selbst wenn die Grundregeln verständlich und einfach angewandt werden können, ist jede Form von Achtsamkeit auf Modifikationen, Spezialregeln oder die Analyse des Charakterbogens ein unbequemer Aufwand. Die Mechaniken haben an sich funktioniert und Spaß gemacht, aber sie erschufen auch eine besondere Form des Rollenspiels, wie wahrscheinlich jedes Regelwerk das Spielerlebnis auf eine bestimmte Art verändert. Selbst beim Test einzelner Mechaniken waren externe Faktoren (wie oft muss ich zum Würfel greifen, wie viel muss ich im Kopf rechnen, wie viel Aufmerksamkeit benötige ich für eine effiziente Regelnutzung) wichtig und unabhängig von meiner eigenen Meinung. Es geht also beim Testen nicht nur um Regeln, sondern in einem gewissen Maße auch um ein Spielgefühl. Um das aufzudecken, sind andere Spieler notwendig. Deswegen, nachdem ich die Alphaphase zur Anwendungsoptimierung der Regeln nun beendet habe, ist es für mich unumgänglich in der Betaphase mit anderen das Spielgefühl, die Balance und die Synergien der Regeln zu ergründen.

 

Wie testen?
Bei der Frage bin ich auf eure Meinung gespannt. Ich werde euch einfach mal meine Vorüberlegungen schildern und wie ich an die Sache herangehen will. Ich bin dabei aber immer für Verbesserungsvorschläge offen.
Zuerst benötige ich selbstverständlich Testgruppen. Natürlich könnte ich einfach auf Conventions oder Gratisrollenspieltage gehen und loslegen. Ich will das Ganze jedoch methodischer und zeiteffizienter gestalten. Anstatt also auf bestimmte Termine zu warten oder auf mein Glück zu hoffen, wann in meiner Heimat entsprechende Spieler Zeit und Lust besitzen, will ich Skype-Runden anbieten. Ich lade euch gerne dazu ein, falls ihr Interesse habt. Dann könnt ihr mich unter holger.hosang@gmail.com benachrichtigen oder ihr nutzt das Kontaktformular auf der Seite. Skype (oder ähnliche Software) ist zwar nicht so schön, wie sich real zu treffen, aber ich habe bisher viel Positives von dieser Form des Rollenspiels gehört und würde sie gerne ausprobieren. Zumal ich keine größeren Nachteile für die Betatests sehe, außer, dass man vielleicht nicht überprüfen kann, was der einzelne tatsächlich gewürfelt hat.
Geplant ist, dass ich dabei direkt das Einführungsabenteuer verwende und so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlage.
Dabei will ich zwei Arten von Testgruppen nutzen. Bei der ersten bin ich der Spielleiter und überprüfe, wie gut die Regeln verstanden und angewandt werden. Bei der zweiten bin ich nur ein stiller Beobachter, der den Spielleiter bei der Abenteuervorbereitung und bei Unklarheiten unterstützt. Als Quelle nutzt dieser die fertigen Texte. Ich weiß noch nicht, wie viele Durchläufe ich mit den einzelnen Gruppen machen werde. Aber ich will, sofern dafür Bereitschaft besteht und die Spieler auch die Regeln soweit verstanden haben, sie gerne auch alleine weitertesten lassen und nach jedem Durchlauf mir eine kurze Zusammenfassung einholen. Das bringt den Vorteil, dass ich wieder frei bin und andere Gruppen betreuen kann. Für die Art der Zusammenfassung habe ich mir einen Fragebogen überlegt. Punkte wären darin, wie das Abenteuer gespielt wurde (narrativ oder taktisch), wie viel Ambiente durch die Beschreibungen eingebracht werden konnte, ob es Unklarheiten gab und wie schnell diese behoben werden konnten und dann noch spezielle Fragen zur Balancierung und zum Spielgefühl.
Ich bin schon gespannt, wie viele Interessenten es geben wird und wie die Testrunden laufen werden. Die Ergebnisse werde ich dann später hier hochladen. In dem Sinne, wünsche euch noch einen guten Start in die Woche! =)

Nachtrag 1:
Der Fragebogen ist nun erstellt und ein erster Termin für einen Test steht nächsten Sonntag an. Ich freue mich schon auf das Feedback, der ersten Tester, die nur das Buch verwenden werden.

Bitte hier für den Fragebogen klicken

 

Nachtrag 2:
Die erste offene Testrunde hat stattgefunden. Ich hatte ein kurzes Abenteuer von 2 Stunden vorbereitet, das einzelne Regelelemente in das Spiel einfließen lassen hat. Die Spielergruppe bestand aus einem Rollenspielveteranen, mit 25 Jahren Erfahrung in verschiedenen Systemen, der den meisten Redeanteil besaß, sowie 2 relativ jungen Spielern, die sich allgemein für Sci-Fi begeistern konnten. Das Abenteuer hat als solches funktioniert, doch die Regeln waren zu sperrig und zu wenig zugänglich.  Ich hatte mich auch dazu entschieden, gleich das Regelgesamtpaket einzusetzen und das hat besonders die jüngeren Spieler erschlagen. Es war gut, diesen Fehler zu machen. Zwar war es sicherlich unangenehm, mit der Regelfülle konfrontiert zu sein, doch nur durch den vollständigen Regeleinsatz konnte ich einmal die Mechaniken im Zusammenspiel erleben. Das Feedback fiel am Ende entsprechend negativ aus. Das ist zwar schade, zeigt mir aber auch, wie nötig einfachere und schnellere Regeln sind. Wobei ich sehr gern noch mit einer regelaffinen Gruppe spielen würde und diese dann zu den zwar komplexen aber auch vielfältigen Regeln befragen möchte.

Nachtrag 3:
In der Spielewerkstatt hatten wir das Thema Testen jetzt auch gehabt. Das lässt 1:1 auf Rollenspiele übertragen, hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:

– erst mit sich selbst solange spielen, bis das Spiel vollständig funktioniert

– nur mit Verwandten und Freunden spielen, um das Grundgerüst zu testen, ansonsten wird das Testergebnis durch Zuneigung verfälscht

– die richtigen Tests finden immer am besten mit Fremden statt, man gibt ihnen nur die Anleitung und schaut zu, wie sie alles verstehen und wo man unbedingt eingreifen muss

– kommt es selbst zu kleinsten Regeländerungen ist alles noch einmal zu testen, allgemein sollte so oft wie möglich getestet werden

– man darf gerade die ersten Tests nicht überbewerten, desto mehr getestet wird, desto breiter wird die Meinung, desto mehr relativieren sich Einzelmeinungen und desto mehr gemeinsame Probleme sowie Stärken kristalliesieren sich heraus

– die Testphase ist dann abgeschlossen, wenn alle weiteren Ergebnisse erwartbar werden und keine neue Erkenntnisse bringen

 

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