Das gute Böse – vom idealen Antagonisten

Die Idee zu dem Artikel entstand auf dem Rücksitz eines Wagens. Meine Freunde unterhielten sich gerade über Shadowrun, wie gefährlich doch Unternehmen seien und das auch unsere Welt bald von Unternehmen beherrscht werden würde. Sie stellten in ihren Augen das perfekte, entmenschlichte Böse dar, da bei ihnen alles auf Überlegungen der reinen Rationalität belief und es dort keinen Platz für Emotionen, Gnade oder Humanität gab. Ich persönlich bin da anderer Ansicht. Konzerne sind diffuse Gebilde, mit wechselnder Führung und einen großen Teil an menschlichen Mitarbeitern, ohne die der Konzern nicht funktioniert. Das alles von Konzernen beherrscht wird, halte ich für abgedroschen und unrealistisch. Macht existiert nur in dem Raum zwischen Menschen. Wenn der Chef etwas befiehlt und der Mitarbeiter das auch selbstverständlich ausführt, ist ein Machtverhältnis etabliert. Wenn er das nicht tut, besitzt der Chef keine Maßnahme, um den Mitarbeiter dazu zu zwingen. Sicherlich kann er drohen und auch Sanktionen vollziehen, aber der Wille des Menschen bleibt frei. Nicht alle sind innerlich verdorben und korrupt. Bei einem Riesenunternehmen, mit Abertausenden von Mitarbeitern, dürfte es sogar sehr schnell gehen, dass ein mutiger Mitarbeiter nein sagt, sich ihm andere anschließen und dann das Machtverhältnis endgültig brechen.  Ich denke, dass die bereits jetzt schon häufig auftretenden Gewerkschaftsstreiks und die juristischen Prozesse gegen Korruption einen Indikator dafür geben, wie schwer es ein Unternehmen mit Weltherrschaftsanspruch haben könnte. Zumal es auch noch staatliche und nichtstaatliche Akteure gibt, die ihren Einfluss nutzen würden, um so einen Unternehmensaufstieg auf Regierungsebene aufzuhalten. Das würde das verbreitete Unternehmen-beherrschen-alles-Szenario, meiner Meinung nach, unglaubwürdig und damit für das perfekte Böse ungeeignet machen.

Aber die Frage nach dem perfekten Bösen fand ich spannend. Der Antagonist kann in einer Geschichte mindestens so wichtig wie der Protagonist sein. Er besitz einen maßgeblichen Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse. Oftmals stellt er auch die letzte Hürde dar, die überwunden werden muss, um ein Ende zu erreichen. Alle Anstrengungen der Spieler können genau darauf abzielen. An manche Geschichten erinnere ich mich auch nur, weil der Gegenspieler großartig war. Ich gehöre zu den Konsumenten, die ihren Gegner schätzen, kennenlernen und sich von seiner Seite überzeugen lassen wollen. Ich will ihn genauso lieben, wie den Protagonisten. Doch wie kann ein Medium das erreichen? Gibt es dieses perfekte Böse eigentlich? Wenn ja, welche Merkmale müsste es besitzen und existiert es vielleicht sogar schon in Büchern oder Spielen? Besonders bei der letzten Frage bin ich gespannt, was ihr als ideales oder gut gelungenes Böses haltet. Wenn ich für mich überlege, was das gute Böse ausmacht, dann komme ich auf 3 Kriterien:

 

  1. Glaubwürdigkeit

Die Handlungen und Motive eines Bösewichts müssen nachvollziehbar und authentisch sein. Kein Charakter ist aus Selbstzweck böse. Die schlechtesten Antagonisten sind, meiner Meinung nach, diejenigen, die nur zeigen, wie grausam und sittlich falsch sie handeln. Denn sie sind eindimensional. Sie besitzen keine andere Eigenschaft, als vorhersehbar zu sein. Sie werden immer egoistisch, unmoralisch und ohne jedes Mitleid handeln. Aber das ist nicht die Natur des moralischen Bösen. Böses ist banal. Es entsteht aus einfachen Beweggründen, wie Bequemlichkeit oder Egalität. Hannah Arendt schrieb zu den Eichmann Prozessen, dass die Ermordungsbefehle für Tausende von Menschen in einer Arbeitsroutine der Gedankenlosigkeit unterschrieben wurden. Es gab kein reflektierendes Verhältnis zur Tat, keinen Stolz, keine Furcht, keinen Zweifel, nur das Bewusstsein, dass Arbeit notwendig verrichtet werden musste. Nach ihr wäre übrigens das vollkommene Böse etwas, bei dem uns nur noch die Aussage bleibt, dass es niemals hätte passieren dürfen.
Auch sittlich handelnde Personen können zu Antagonisten werden, wenn ihre Ziele schlicht denen der Spieler entgegenstehen. Wir haben zum Antagonisten eine wichtige Beziehung. Denn er ist es, denn wir besiegen und seine Pläne durchkreuzen müssen. Sein Wirken kann die Geschichte im Alleingang vorantreiben oder gar die Geschichte sein. Deshalb sind seine glaubwürdigen Motive, sowie seine Hintergründe, umso wichtiger. Zwar verzeiht man einen Diablo, dass er seiner teuflischen Natur nicht entfliehen kann, besonders spannend macht ihn das aber nicht. Einen Charakter, dessen Entwicklung man verfolgen konnte, der abfällt und für den vielleicht sogar noch die Möglichkeit besteht, sich zu läutern, wie Darth Vader, erzeugt durch seine Vielschichtigkeit deutlich mehr Potenzial für Überraschungen. Das mag zwar ein altes Beispiel sein, aber als Kind wollte ich unbedingt, dass er wieder gut wird.

 

  1. Bedrohung

Feinde können auch durch ihre Gefahr wunderbar hervorstechen. Sie kann auch das Bedürfnis nach Hintergründen zurückstellen. Bei Zombies ist es erst einmal egal, woher sie gekommen sind. Da sie überall auftauchen können und die Überlebenden sich bereits bei einer Berührung mit dem tödlichen Virus infizieren können, stellen sie nur allein durch ihre Bedrohung gute Antagonisten dar. Hier halte ich das Einzelerlebnis für wichtig. Sicherlich gibt es einige Szenarien, durch die das Böse dann sofort die Welt verheeren oder unterwerfen kann. Es ist sehr leicht zu sagen, wenn der Böse X erreicht, ist es aus für die Welt. Aber das ist abstrakt, konstruiert und erzeugt nicht das Gefühl von Bedrohung. Nimmt man dagegen Vampire, die sich durch die Lebenskraft, das Blut, ernähren, den Menschen schwächer werden lassen, um sich selbst zu stärken, ist die Gefahr deutlich zugänglicher. Die Vorstellung arbeitet hier ganz allein für den Antagonisten. Wenn die Bedrohung für den Einzelnen groß genug ist, kann sie sich sehr schnell und einfach für alle anderen auf der Welt vorgestellt werden. Das macht sie wiederum glaubwürdig. Was der Einzelne nun als bedrohlich empfindet, ist sicherlich von Person zu Person unterschiedlich. Ich empfinde zum Beispiel Feinde besonders bedrohlich, die den eigenen Körper für ihre Zwecke (Brutplatz, Hunger, willenlose Versklavung) nutzen.

 

  1. Erinnerungswürdigkeit

Selbst Antagonisten, die eine glaubhafte Hintergrundgeschichte und Gefahrenpotenzial besitzen, können im Zuge ihre Mittelmäßigkeit noch leicht vergessen werden. Ihnen fehlt noch eine besondere Eigenschaft, ein Markenzeichen, das bereits bei seiner Andeutung dem Konsumenten einen Schauer über den Rücken jagt. Das ist eine unverwechselbare Eigenschaft, die aus einem Supergangster einen Joker macht. Das können ganz verschiedene Dinge sein. Ich zum Beispiel fand die Aliens aus X-Com Enemy Unknown und X-Com 2 grandios, weil ihre Ziele lange Zeit vollkommen unverstanden blieben. Erst am Ende des zweiten Teils wird offenbart, dass sie ihr Wirken aus einer ganz anderen Moral heraus erklären. Für sie ist moralisch gut, was die Spezies voranbringt und sie entwickeln lässt. Die Millionen von Tode, die sie dafür geopfert haben, wurden für diesen Zweck moralisch positiv bewertet. Sie dachten, sie tun der Menschheit damit etwas Gutes. Diese Konfrontation mit einer so ungewohnten Perspektive ist für mich genauso erinnerungswürdig, wie das Genie eines Moriarty. Aber allein diese Kategorie reicht auch nicht aus, um den perfekten Gegenspieler zu schaffen. Gerade bei Moriarty empfand ich die Beweggründe für sein Handeln recht fade, auch wenn er mir mit seiner Eigenart immer im Gedächtnis bleiben wird.

 

In bin der Ansicht, dass der ideale Bösewicht in allen drei Kategorien gleichermaßen hervorstechen muss. Ich weiß nicht, ob es Antagonisten gibt, der über alle anderen erhaben sind. Aber wenn ich wählen müsste, wer sich in den 3 Kategorien eindrucksvoll hervortut, ich würde das ungleiche Paar „Olgierd von Everec“ und „Gaunther O Dim“ aus The Witcher 3 wählen. Da ich nichts spoilern will, sage ich nichts Näheres zu den beiden – nur so viel, dass jeder die Geschichte um das Herz aus Stein einmal erlebt haben sollte. Kennt ihr noch andere, grandiose Antagonisten? Wenn ja, dann würde ich mich sehr über einen Kommentar freuen!

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