Der Anspruch im Rollenspiel – Kampfbegriff oder Notwendigkeit?

Ich hatte mich letztens mit einem Spielleiter einer anderen (DSA-) Gruppe unterhalten. Das Gespräch war recht interessant, weil sie sehr verschieden von meiner Gruppe spielen. Ich muss sagen, dass ich bei den Aussagen sogar schockiert war. Ihre Gruppe ist zwischen 8-12 Spieler groß und sie spielen immer mal Wochenendmarathons von 48 Stunden Rollenspiel mit etwa 5 Stunden Schlaf. Da ich, der immer ewig für die Vorbereitung eines 8 stündigen Abenteuers benötigt, mir so ein Spiel und seine Vorarbeit einfach nicht vorstellen konnte, habe ich mir da mal im Detail erklären lassen. Anstatt jeden jederzeit was zu tun zu geben und spielen zu lassen, wo ich schon mit 8 Mann schweißtreibend meine Kapazitäten ausgereizt hatte, beschäftigen sich dort die nicht aktiven Spielen mit Lesen, dem Smartphone oder dem Reden. Es ist eher wie eine Kommune, bei der nebenbei noch DSA gespielt wird. Außerdem besteht das Abenteuer aus Würfen auf einer Zufallstabelle, was in den meisten Fällen in einem Kampf mündet. Die Kämpfe wiederum ermöglichen es, den bis zu 12 Spielern alle einen Beitrag am Geschehen zu leisten, ohne langwierig auf ihren Platz in der Szene warten zu müssen. Da wird nebenan Skyrim gespielt, kurz gewürfelt, wenn man dran ist, und dann weiter gedaddelt. Das klang alles nach einem gemütlichen Sozialkonzept, um eine Rollenspielsitzung dieses Ausmaßes zu veranstalten.
Dann wurde ich gefragt, ob ich denn nicht einmal Lust hätte, in dieser Runde zu spielen. Ich lehnte das Angebot ab. Denn das ist nicht die Art, wie ich Rollenspielen will. Ich habe einen Anspruch an die Spielsitzung und an mich selbst. Nur wenn die Spielsitzung diesem gerecht wird, empfinde ich das erfüllende Gefühl, welches Rollenspiel so einzigartig für mich macht. Der Anspruch ist aber für viele ein Problem, statt ein Ansporn zu sein. Deswegen will ich mich in diesem Artikel mal genauer mit diesem scheinbar polarisierenden Begriff befassen.

 

Was ist Anspruch im Rollenspiel?

Exakt diese Frage hatte ich vor einiger Zeit auf Facebook gelesen und sie hat eine breite Reaktion ausgelöst. Ich habe die Posts jetzt nicht abgezählt, aber von den dutzenden, die ich gelesen hatte, tendierten ungefähr 2/3 dazu, sich über den Begriff Anspruch lustig zu machen oder ihn abzuwerten. Da wurde von Kampfbegriff gesprochen, den eingebildete Spielleiter nutzen, um sich selbst zu erhöhen und andere zu reduzieren. Ich glaube, die Idee hinter der Argumentation war, dass Rollenspiel für alle sein sollte und niemand aufgrund von Unerfahrenheit oder Spielstil durch den Anspruch ausgeschlossen oder diskriminiert werden sollte. Rollenspiel, so kam es öfters, darf kein Anspruch haben.
Sieht man sich den Begriff neutral an, erkennt man im ersten Moment nichts von diesen Ideen. Anspruch im Rollenspiel heißt hier schlicht erst einmal nur: Eine qualitative Erwartung für sich selbst und die Gruppe zu stellen, mit dem Ziel, diese durch Vorbereitungen, Charakterspiel etc. zu erreichen. Welche Qualität einem genügt, damit er mit dem Rollenspiel zufrieden ist, das weiß jeder selbst. Ich finde, den Begriff so neutral zu lesen, hat erst einmal etwas Positives. Denn es zeugt davon, dass ich nicht ohne Abenteuer und Verpflegung mit Personen, die ich nicht kenne, einfach um die Wette würfle, sondern dass ich bestrebt bin, eine gewisse Leistung zu erbringen. Natürlich, wenn das übertrieben wird, dann sind wir sehr schnell in einem Elitismus drin, der bestimmte Menschen ausschließt. Aber ich frage mich, ob das wirklich schlimm ist?
Es geht beim Rollenspiel, meiner Meinung nach, darum, die richtige Gruppe für sich zu finden. Das ist die, die zu den eigenen Erwartungen an Qualität passt oder anders, die den eigenen Ansprüchen ans Rollenspiel gerecht wird. Anhand des Anspruches entscheidet sich maßgeblich, ob ich in einer Gruppe Spaß habe oder nicht. Wenn das nicht der Fall ist, dann sollte ich, wenn ich andere Faktoren, wie soziale Konflikte oder temporäre Probleme usw., ausgeschlossen habe, mich nach einer anderen Gruppe umsehen. Wenn es keine gibt und ich trotzdem spielen will, dann muss ich Kompromisse schließen. Aber am Ende ist es stets ein Aushandlungs- oder, von der Seite der Gruppe, ein Erziehungsprozess, bis die Ansprüche an das Rollenspiel übereinstimmen. Ansonsten drohen Unfrieden, Diskussionen und es macht keinen Spaß.
Ich sehe den Anspruch daher nicht als Kampfbegriff, sondern als notwendige Erwartung und gleichzeitig als Ziel für die rollenspielerische Leistung. Er ist natürlich und man sollte ihn als permanente Gegebenheit akzeptieren, anstatt ihn schlecht zu reden. Er ist sowas wie ein Spielstil. Wenn ich eine Doku schaue, dann auch mit dem Anspruch, dass sie mich informiert und interessiert, ansonsten schaue ich mir eine andere Doku an. So funktioniert das wohl in jedem Bereich des Lebens und so auch im Rollenspiel.

Niemand kann ohne Anspruch spielen

Ich will noch auf einen gesonderten Punkt eingehen, der bei dem Beitrag um die Professionalisierung des Rollenspiels aufkam. Da war eine Befürchtung, dass die Professionalisierung zu einer Erwartungsspirale führt. Also ich zahle für etwas und habe daher auch die Erwartung, etwas für mein Geld zu erhalten. Das widerspricht aber den freigeistigen und offenen Charakter des Rollenspiels. Es ist selbstverständlich legitim zu sagen, ich will ohne Anspruch und Erwartungen spielen. Ich will mich nicht durch Trends, durch eine Gentrifizierung des Rollenspiels unter Druck gesetzt fühlen. Ich kann, denke ich, diesen Menschen sagen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Denn das Rollenspiel ist endlos. Es wird immer genug und verschiedenfältige Angebote, von elitärer zu anspruchsloser Gruppe geben. Was ich ihnen aber nicht sagen kann, ist, dass sich ihre eigenen Ansprüche nicht vielleicht eines Tages weiterentwickeln und sie die Aufwärtsspirale selbst erklimmen.
Denn, meiner Meinung nach, kann man gar nicht ohne Anspruch spielen. Selbst wenn man einfach nur sagt: Wir treffen uns, um Spaß zu haben – ohne Vorbereitung oder sonst etwas – dann ist das schon eine Leistung. Dieses Spaß-haben ist nämlich gar nicht so leicht. Vielleicht will der eine kämpfen und der andere entdecken, aber es gibt immer Bedürfnisse in einer Gruppe und erst wenn diese gedeckt sind, fühlt es sich für alle gut an. Und es ist ja auch, so denke ich, gut Anspruch zu haben. Ich als Spielleiter will ja, dass alle ihren Spaß haben. Daher kommt wahrscheinlich auch diese Erfüllung, die man nur als Meister hat. Wenn die Spieler vergnügt sich in der eigenen Geschichte tummeln oder mit Spannung den Plot verfolgen. Ohne Anspruch wäre sowas gar nicht möglich.
Die Frage ist daher nicht, ob man sich nun schlecht fühlen soll, wenn man von sich aus sagt, dass man anspruchsvoll oder anspruchslos spielt. Die Spielspaß entscheidende Frage ist, ob meine Gruppe und ich Kompromisse zulassen, damit alle unser Spielbedürfnisse gedeckt werden können. Da gebe ich dann jeden recht, der meint, dass ein zu hoher Anspruch ausgrenzt. Denn wenn ich mich hinter den Begriff verstecke und Andersspielende nicht mal mit erhobener Nase ansehen kann, dann ist er tatsächlich unsozial und zerstörerisch.
Vielleicht wäre es an dem Punkt einfach am besten, dass man weiterhin offen bleibt. Jeder mag eine bestimmte Art des Spielens, kann sich mit anderen Arten arrangieren und lehnt bestimmte Arten ab. Das trifft keine Aussage über gut und schlecht oder besser und schlechter. Es sagt nur, welcher Spielstil oder Anspruch mir persönlich am ehesten liegt. Dabei von Anfang an bestimmte Stile abzulehnen, ist eben genau der viel verfluchte Elitismus unseres Hobbys. Daher kann ich nur empfehlen, den eigenen Anspruch beizubehalten, sich Gleichgesinnte zu suchen und für die Ansprüche der Anderen tolerant zu sein. So viel kann ich nämlich aus eigener Erfahrung sagen, bereits ein Meisterwechsel sorgt für neue Perspektiven, Inspiration und neue Lehren. Neues auszuprobieren, lohnt sich, besonders im Rollenspiel.

9 Gedanken zu „Der Anspruch im Rollenspiel – Kampfbegriff oder Notwendigkeit?

  1. Clawdeen

    Dem stimme ich absolut zu. Habe es schon sehr oft schade gefunden, wenn solche Wogen entstanden, statt genau das zu tun, was du hier vorschlägst: den Begriff neutral zu betrachten und auf sich persönlich und die Gruppe(n), mit denen sich das umsetzen lässt, zu münzen.

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  2. ghoul

    Klingt ja ziemlich gechillt, was die andere Gruppe da macht. Es ist für mich schwer nachzuvollziehen, so distanziert und abgelenkt zu spielen, aber irgendwie wirkt es sehr cool.

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    1. Ariatros Artikelautor

      Der Spielleiter, mit dem ich da gesprochen hatte, kam auch aus Ungarn und einige der Spieler waren wohl auch Osteuropäer. Die haben da wahrscheinlich eine ganz andere Mentalität zu. Ich hatte mir auch gedacht, wie kann das denn funktionieren? Nebenbei würfeln? Wenn man mal 2 Stunden nicht dran ist, kocht man für alle Mittagessen etc. Aber so wie er es erzählt hatte, wirkte es sehr gemütlich und sozial ^^
      Das hatte mich ein wenig an einem Männerabend erinnert. Nur, dass man statt Bier und Fußball dann Bleistift und Würfel frönt.

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      1. ghoul

        Nein, ich denke ich habe jetzt verstanden was sie tun: Sie spielen DSA!
        Wahrscheinlich irgendeine der schwerfälligen alten Kampagnen, 7 Gezeichnete oder Phileassonsaga oder so. Das geht ja gar nicht anders als in 48h-Sessions, wenn man vorankommen möchte. 2-3 Spieler kümmern sich je nach Interesse und Charakterschwerpunkt gleichzeitig um den Plot, während die anderen 5-10 irgendetwas spannendes machen. Und wenn es zum Kampf kommt, werden eben alle mal schnell zusammengetrommelt.
        Anders würde das ja gar nicht gehen. DSA ist halt schon ein sehr spezieller Mikrokosmos.

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        1. Ariatros Artikelautor

          Nun, sie spielen nicht nur DSA im Marathon. Ich denke, dass ist wirklich ihre systemunabhängige Art und Weise, wie sie Rollenspiel betreiben. Das fasziniert mich aber gleichzeitig wieder, weil es durchaus sein kann, dass ihre Spielweise mit ihrer Herkunft in Verbindung steht. Also andere Ethnien anders spielen. Dann müsste man sich von so allgemeingültigen Gesetzen und Aussagen über das Rollenspiel distanzieren und könnte untersuchen, inwieweit das Spielverhalten durch Herkunft, Kultur, Religion etc. beeinflusst würde. Aber dazu bräuchte man viel mehr Probanden. Kennst du denn ethnisch diverse Personen, die auch Rollenspiel betreiben und das auch autonom, also ohne es von einem klassischen Rollenspieler gelernt zu haben, tun? Wobei man hier auch fragen müsste, ob es den klassischen Rollenspieler gibt. Das klingt nach einem Thema für einen neuen Beitrag ^^

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  3. Reeth

    Ariatros, ich kann diesem Artikel und den darin geschilderten Sichtweisen und Erkenntnissen nur vorbehaltlos zustimmen. Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden. Klar muss man ab und an mal etwas suchen und vielleicht auch den einen oder anderen Kompromiss eingehen, aber wenn es am Ende passt, dann ist es richtig. Wenn nicht, dann nicht. Punkt.

    Blöd ist nur wenn, eine Spielgruppe sich aus einem bestehenden Freundeskreis heraus entwickelt, der zahlenmäßig überschaubar ist. Wenn dann verschiedene Ansichten von Spielstil, Anspruch, Niveau und/oder Quantität ein Zusammenspiel ohne erhellende Aussicht auf Kompromisse erschweren, dann wird es ärgerlich. Aber auch dann muss es heißen: C’est la vie …

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    1. Ariatros Artikelautor

      Danke für deinen Kommentar.
      Das Problem, welches du beschreibst, kenne ich leider selbst zu gut. Ich hatte auch mal eine Zeit lang eine Phase, da war ich ohne Gruppe und wollte aber dennoch weiter mein Hobby betreiben. Das führte dazu, dass ich blind in Spielgruppen gegangen bin, die einen Mitspieler gesucht hatten. Das waren schon alles nette Nerds, aber ihr Anspruch an das Rollenspiel war leider nie mit meinem vereinbar. Das heißt, klar, ich hätte da mitspielen können und habe es einmal auch jedes Mal gemacht, aber ich habe einfach gemerkt, dass ich diese Art von Spiel nicht will. Ich kann sie nicht wertschätzen und mich nicht in ihr entfalten, was sich dann darin äußerst, dass es mir keinen Spaß macht.
      Das war bei einem guten halben Dutzend Gruppen der Fall. Dann habe ich für mich entschieden, dass es so keinen Sinn mehr macht zu suchen. Denn diese Form von Anspruch oder Spielerwartung kann ich nicht finden, indem ich das gespielte Setting oder System als Suchkriterium verwende.
      Ich musste dann mehrere Schritte zurückgehen. Ich gehe davon aus, dass vor allem die Gruppe das gute Rollenspiel ausmacht. Also habe ich mir Leute gesucht, mit denen ich sowieso gerne was zusammen unternommen habe und habe versucht, sie dann schrittweise mit Rollespiel in Berührung zu bringen. Als dann bei ihnen einmal der Funke der Begeisterung gebrannt hatte, konnte ich sie zu dem Anspruch erziehen, den ich an Rollenspiel setze. Das hat funktioniert und ich hatte wieder eine tolle Gruppe. Man erkennt aber wohl, dass das sehr viel Arbeit benötigt und Zeit kostet.
      Die von dir beschriebene Situation ist sehr schwierig und wahrscheinlich für viele leider bekannt. Ohne Kompromisse oder Konsens sehe ich da eigentlich auch nur neue Spieler oder eine andere Gruppe als Lösung. Konntest du sie denn lösen und wenn ja, wie?
      Allgemein müsste man mal überlegen, ob es da eine Möglichkeit gibt, schneller an gleichgesinnte Spieler zu kommen. Die häufigen Inserate halte ich da nur für sehr beschränkt funktional.
      Ich hatte da letztens eine andere Methode entdeckt:
      http://www.hinterdenspiegeln.de/penandpaper/
      Das geht so in die Richtung professionalisiertes Spielangebot. Da hat man zwar das Risiko, dass man sich mit den Leuten nicht versteht oder tausend kleine Dinge schief gehen können, da aber jeder dafür viel Geld bezahlt, ist die Erwartungshaltung auch eine ganz andere. Ich bin wirklich gespannt, wie die Kritiken dazu ausfallen werden. Ich notiere mir aber auf jeden Fall mal, dieses Problem hier im Blog zu thematisieren.

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  4. Chris

    Schade, dass du dem Angebot, da mal mitzuspielen nicht nachgekommen bist. Vielleicht nicht für die vollen 48 Stunden, aber so 8 oder 12 Stunden, warum nicht? Ich bin immer ein froßer Fan davon fremdzuspielen. Im besten Fall, nimmt man ein paar neue Ideen mit, im schlechtesten Fall kriegt man einen Hinweis, was man besser nicht selber macht.

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    1. Ariatros Artikelautor

      Um deine Frage konkret zu beantworten: ich wusste, dass es mir keinen Spaß gemacht hätte. Aneinander gereihte Kämpfe, ein Abenteuer, das allein auf einer Zufallstabelle basiert und das in der Mannstärke ist schlicht nicht die Art, wie ich Rollenspiel genießen kann. Ich habe, wie gesagt, auch eine gewisse Zeit lang in fremden Gruppen gespielt, ohne zu wissen, was auf mich zukommt. Ich habe da leider ausschließlich negative Erfahrungen gesammelt. Deswegen ist mir mein Anspruch wichtig. Aber das habe ich den Herren auch genauso mitgeteilt und die Reaktion war, dass sie (2 von 12 Mann) jetzt bald mal in meiner Gruppe mitspielen wollen, um eben meine Vorstellung von Rollenspiel zu erleben. Da bin ich schon gespannt, wie ihr Urteil am Ende ausfallen wird ^^

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