Larp vs Pen and Paper – Was ist besser?

Folgende Situation hat sich zugetragen: ich besuche eine gute Freundin vom Larp. Wie das bei Rollenspielern der wunderbare Fall ist, verliert man sich schnell in den fantastischsten Geschichten. Davon angeregt, schlage ich vor, eine kurze Pen and Paper (PnP)-Runde zu spielen. Zu meinem Erschrecken kommt nun von der langjährigen Larperin Spott und Ablehnung.
PnP sei was für Kinder (sagt die Larperin), ohne Gewandung Rollenspiel zu betreiben sei lächerlich und würde bei ihr von der Vorstellung her auch nicht funktionieren. Ganz egal, was ich im PnP darstellen wollen würde, sie könnte es nicht ernst nehmen. Denn Larp, so ihre Aussage, ist die nächste Evolutionsstufe des PnP, quasi PnP für Erwachsene.

Ich als leidenschaftlicher PnPler konnte das natürlich nicht auf mir sitzen lassen und habe mit ihr bis spät in die Nacht diskutiert. Dabei stellte sich heraus, dass die Dame nur zweimal überhaupt zum Würfel gegriffen hatte. Ihre starke Abneigung kam von der schlechten Erfahrung, die sie mit diesen zwei Runden gemacht hatte. Der Spielspaß wurde zu Tode gewürfelt, sie zur Belustigung des Meisters in unlösbare Situationen des Lächerlichen geworfen und war als Frau auch noch sexuellen Anspielungen ausgesetzt.
Das habe ich nun schon häufiger erlebt. Die Initialerfahrung beim PnP ist in meinem Bekanntenkreis überwiegend negativ und demzufolge formt sich das Bild, was die Betroffenen vom PnP haben, auch negativ. Die interessante Frage dahinter ist aber, ob sich Larp und PnP tatsächlich von ihrem Konzept qualitativ unterscheiden oder ob so eine Situation auch umgekehrt beim Larp hätte passieren können. Was macht beides aus? Was ermöglichen beide Konzepte und wo sind ihre Grenzen? Und zuletzt: ist das eine wirklich eine Weiterentwicklung des anderen?
Um diese Fragen zu beantworten, will ich mit einer Gegenüberstellung beginnen.



Larp

Das Live-Action-Role-Playing wird stets beliebter. Ich stelle hier mit meinem Körper und Kleidern dar, was ich spielen will. Das hat verschiedene Vorteile:

+ Direkte Darstellung:
Anders als im PnP gibt es kein Zeitverzug. Wenn ich kämpfe, dann berechne ich keine Werte und würfle auf abstrakte Wahrscheinlichkeiten, sondern ich schlage zu und treffe entweder oder nicht. Das gilt für all Interaktionsmöglichkeiten. Wenn ich wirklich gerade jemanden versuche seinen Geldbeutel zu stehlen, dann ist das ein Kick, den mir kein Wurf bieten kann. Die Spieler sind dem Geschehen viel näher und das wirkt stärker als 1000 Worte.

+ Persönliche Entwicklungen:
Ich kenne eigentlich niemanden, der mit Larp angefangen hat und sich nicht irgendwie persönlich darüber weiterentwickeln konnte. Die einen fangen mit Nähen an, die anderen beginnen Schwertkampf zu trainieren. Schüchterne Menschen kommen, weil sie auch spielen wollen oder müssen, aus sich raus und es werden Lieder und Lachen getauscht.
Meiner Meinung nach besitzt jedes Milieu seine Begegnungsräume. Während andere sich in Diskotheken abschießen, ist für viele Nerds das Larp ein solcher Begegnungsraum, um Kontakte zu knüpfen oder sogar Beziehungen einzugehen. Das kann ein PnP nur schwer erfüllen, da die Gruppen meistens recht klein und unter sich sind. Zumal auch keine Form des Handwerks am Spieltisch praktiziert oder gebraucht wird.

+ Präsentation:
Als PnPler habe ich meinen Charakterbogen, auf den alles Erreichte niedergeschrieben steht. Als Larper habe ich ein Zelt voller tollem Zeug. Da Larp sich nicht ausschließlich in den Köpfen der Teilnehmer abspielt, ist die Präsentation zentral. Es macht sehr viel Spaß zu überlegen, welche Kleider man kombiniert, wie man bestimmte Szenen/ Spielinhalte darstellen wird oder auch einfach nur beeindruckte Blicke von anderen erhält. Da mein Charakter nicht nur ein Bogen Papier ist, sondern ich selbst alles trage, einschließlich der Narben oder Nachwirkungen der Abenteuer, kann ich mich viel stärker mit diesem identifizieren. Daraus kann wiederum eine intrinsische Motivation entstehen, meinen Charakter noch weiter für die nächste Con auszubauen und interessanter zu gestalten. Dieser Motivations- und Spaßfaktor fällt beim PnP raus.

PnP

Das Konzept des Pen-and-Paper-Rollenspiels funktioniert bereits mit einem Tisch, ein paar Freunden und einen Würfel. Es hat demzufolge ganz andere Vorzüge:

+ Unbeschränktheit:
Ich kann im PnP alles spielen, was ich möchte. Das klingt banal, ist für das Larp aber durchaus ein Problem. Hier kann nur gespielt werden, was ich darstellen kann. Übergewichtige Personen sollten keine Elfen spielen. Denn die sind in der High Fantasy (also der allgemeinen, populären Vorstellung von Fantasy) immer schlank und schön. Natürlich spielen sog. Hefeelfen trotzdem mit und da sie sich für ihren Körper nicht schämen sollen, ist ihnen das auch nicht verboten. Aufgrund dieser Vorstellungen droht aber die Gefahr, dass sie, nur aufgrund ihres Übergewichtes, nicht ernst genommen werden. Solche Schranken fallen im PnP weg. Seine Freiheit betrifft dabei aber auch alle anderen Formen des Spiels: ob Abenteuer, ob Zauberei oder Situationen – alles was sich vorgestellt werden kann, kann gespielt werden.

+ Einfachheit:
Ich muss beim PnP keine 100-200 Euro bezahlen, keine Anhänger vollladen und mir Urlaub nehmen. Ich treffe mich mit minimaler Vorausplanung mit Freunden und es funktioniert.  Das betrifft auch die Spielmechanismen. Als Orga renne ich von einem Punkt zum nächsten, habe einen strafen Ablaufplan, muss mich um jede Kleinigkeit kümmern, dazu kommen noch Spieler, die ständig was von einem wollen. Das ist jede Menge Stress, den ich als PnP-Spielleitung einfach nicht habe. Es gibt zwar auch ein paar Dinge, auf die ich achten muss, aber das mache ich vor allem in der Abenteuerplanung. Beim Larp kann während der Con noch deutlich mehr schief gehen, als am Küchentisch.

+ Spielkernfertigkeiten:
Eine Sache, die mich beim Larp mit am meisten ärgert, ist, dass ganz viele nicht spielen können und dann entweder OT (Out Time, außerhalb des Spiels) werden, sich selbst spielen oder sich einen abstottern, wenn man sie anspielt. Ich habe da oft das Gefühl, dass es die verbreitete Meinung gibt, es reicht, sich für teuer Geld eine Gewandung zu kaufen, um ein guter Larper zu sein. Aber das ist eben falsch. Selbst auf Schlachten-Cons ist die Kommunikation das Wichtigste.
Diese unumgängliche Spielkernfertigkeit lernt man am stärksten im PnP. Denn da geht es ohne Kommunikation einfach nicht weiter. Das gesamte PnP besteht allein aus Worten und Fantasie. Mehr IT (In Time, innerhalb des Spiels) als hier, geht nicht. Natürlich gibt es auch unkommunikative PnP-Runden. Aber das sind meiner Meinung nach Runden, die von einem Brettspiel kaum noch zu unterscheiden sind. Im Larp scheinen viele zu denken, sich darauf ausruhen zu können, gut auszusehen. Im PnP geht das einfach nicht. Wenn man es nicht wie ein Brett- sondern wie ein Rollenspiel spielt, ist man gezwungen IT zu sprechen, zu denken und zu handeln.

Zusammenfassung

Ist Larp die nächste Stufe der Evolution? Mit Sicherheit ist es das nicht. Wie in der Gegenüberstellung deutlich wird, bieten beide Spielkonzepte Spaß für verschiedene Zielgruppen. Larp ist dabei eher ein soziales Ganzkörpererlebnis, was einem geplanten Abenteuerurlaub schon recht nahekommt, während das PnP dagegen eher die Rolle des entspannten Wochenendsprachspiels einnimmt. Demzufolge füllen beide Spielkonzepte andere Freizeitbedürfnisse.
Larp ist das große Erlebnis, das ich plane, in das ich viel Zeit, Geld und Mühe investiere und in das ich dann eine halbe Woche lang abtauche. PnP ist dagegen der zeitlich variable Dauerunterhalter, den ich bequem in die Woche einschieben kann.  Was einem lieber ist, hängt von der eigenen Lebenslage ab. Mir persönlich gefällt PnP mehr, da ich für Larp kaum Zeit habe. Zumal wirklich viele Papnasen unterwegs sind, die mir mein Larp-Erlebnis sehr schnell verhageln können. PnP ist da für mich einfach kontrollierter, sicherer und ich muss keine Kosten oder viel Aufwand fürchten.
Ich würde daher nicht sagen, dass etwas von beidem besser ist. Das eine passt zeitweise vielleicht nur besser zur eigenen Lebenssituation oder dem eigenen Spielbedürfnis als das andere. Beide besitzen aber eine gleichwertige Existenzberechtigung.

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