Es war unvermeidbar. Als Genießer komplexer Expertenspiele konnte ich mich der Attraktion des angeblich größten und komplexesten Strategiebrettspiels, Europa Universalis, nicht erwehren. Ich hatte das große Glück, eine etablierte Runde zu finden, die mir das Einarbeiten in die unzähligen Regeln ersparte. Doch schon allein das bloße Regelerklären (und zwar nur für die Basisregeln) dauerte 2:30h. Das sei aber wohl normal und eine reguläre Europa Universalis Runde würde mindestens 3 Tage dauern und an jedem dieser Tage würden mindestens 8h gespielt werden. Bei meinem Besuch entschieden wir uns aber nur ein Tutorial von 8h zu spielen. Solche Zeitangaben mögen viele abschrecken, mich hatten sie jedoch begeistert. Ich will euch deswegen heute erzählen, ob meine Vorfreude berechtigt gewesen war oder eher nicht.
Das Konzept
Es würde den Artikel sprengen, wenn ich im Genaueren auf die Regeln eingehen würde. Deswegen sei nur so viel gesagt, dass das Spiel im Jahr 1444 startet bis zu Napoleon geht und jeder Spieler eine europäische Großmacht übernimmt. Herrscher und Berater erzeugen Aktionswürfel in den Bereichen Militär, Diplomatie und Verwaltung, mit denen verschiedene Aktionen (Rekrutieren, Armeen bewegen, Handeln, Heiraten, Einfluss verteilen, Handkarten spielen usw.) gespielt werden können. Dazu gibt es Fokusbäume und Ereignisse. Jedes Reich hat historische Errungenschaften, die weitere Ziele freischalten, wenn sie erst einmal erreicht sind. Als Kastilien ist das etwa, die Karibik zu entdecken, um danach die spanische Armada aufzubauen, oder den Konkurrenten Aragorn zu vasallisieren, um darauf Spanien auszurufen. Dazu kommen noch historische Ereignisse, die das Spiel maßgeblich verändern können und reichsspezifische Mechanismen, wie die Wahl zum Kaiser, oder zeitalterbestimmende Mechanismen, wie die virulente Verbreitung der Reformation. In diesen Rahmen versucht man möglichst viele Siegpunkte zu machen. Das geht am einfachsten über die Eroberung von Provinzen. Aber auch die Erforschung neuer Technologien und Einheiten oder diplomatische Unterwerfung erfüllen diesen Zweck. Es erfordert viel Grübbelarbeit, um sich den perfekten Zug auszutüfteln, nur um im nächsten Moment durch ein Ereignis oder einen Spieler zunichte gemacht zu werden. Die Spannung entsteht in der Gemengelage aus verschiedenen Spielerzügen und das Durchbringen der eigenen Spielstrategie.
Kritik: Jeder Fehler ist einer zu viel
Was zunächst überwältigend klingt und ist, besitzt aber kein Sandbox-Charakter. Spielt man eine bestimmte Nation, verläuft das Spiel immer recht gleichförmig. Wirkliche Defizite hat es meiner Meinung nach aber vor allem im Balancing. Wer in der ersten Runde als Venedig nicht in seine Flotte, sondern in diplomatischen Einfluss investiert, hat verloren. Plötzlich sind die Flotten der Nachbarn stärker und verhindern das starke Einkommen über See und ohne Einkommen gibt es keine neuen Schiffe, um das Verhältnis wieder zu brechen. Es genügt, einen einzigen Fehler in der frühen Phase des Spiels zu machen und man scheidet, bei entsprechend erfahrenen Spielern, direkt aus dem Spiel aus. Das geschieht aber nicht direkt und offensichtlich. Natürlich spielt man zunächst weiter und versucht noch irgendwas zu ändern. Aber die anderen Reiche, die einen bestimmten Spielplan verfolgen, werden immer stärker, reicher und erfolgreicher, bis man nur noch zusehen kann, wie der Abstand zu ihnen größer wird. Europa Universalis besitzt demnach der Möglichkeit, dass ein Spieler 16h lang das Spiel verlieren kann (die Downtime, bis man mal wieder am Zug ist, betrug bei 5 Spielern 30min). Generell ist die Investition an Lebenszeit in Europa Universalis immens. Für berufstätige Menschen ist es allein schon schwierig, so viele aneinander gereihte, freie Tage zu planen. Da ist der Druck, dass diese Zeit es wert ist, noch einmal deutlich höher.
Ist das Spiel den Zeitaufwand wert?
Das hängt leider stark von den Personen ab, die mitspielen. Sind alle Mitspieler in der Erfahrung ungefähr gleich, kann es spannende Duelle geben, die immer wieder durch unerwartete Spielsituationen knifflig und überraschend werden. Ist das nicht der Fall, habt ihr mit Ereignissen Pech oder spielen historisch sehr unterschiedlich starke Reiche mit, kann das sehr schnell kippen. Das gewaltige osmanische Reich etwa verschluckt einfach kleinere Widersacher, während England sich das erste Zeitalter erst einmal nur um seine historischen Probleme (100-jähriger Krieg, Rosenkrieg usw.) kümmern kann.
Europa Universalis ist in seinem Spielangebot einzigartig. Weil es auf einer tiefen, historischen Ebene den Wettstreit europäischer Großmächte wie kein anderes Brettspiel abbildet. Geschichtsenthusiasten und kompetitive Spieler, die gerne andere ärgern, kommen hier voll auf ihre Kosten. Für große Planer ist das Spiel nur bedingt etwas, da die eigene Zugplanung schnell und vollständig durch andere Spieler sowie Ereignisse gestört werden kann. Ich komme daher zu dem Schluss, dass es sich nur für eine recht überschaubare Zielgruppe lohnt. Diese muss, neben der vielen Zeit, vor allem frustresistent sein und das Gefühl genießen können, hier ein historisches Großreich aufzubauen. Diese Zielgruppe wird mit dem Spiel aber sehr belohnt werden.
